Empfohlen

Zum Blog „der-schwache-glaube“ …

… ist im Einleitungstext „Der schwache Glaube“ alles gesagt. Die Homepage www.der-schwache-glaube.de ist auf die Blog-Seite umgezogen.
Zur Internet-Präsenz gehören Twitter und Facebook. Wenn ich auf interessante Links stoße, dann twittere ich sie meistens. Auf der Seite von Facebook reagiere ich auf das, was andere schreiben oder ich poste mal ein Bild, manchmal auch ein Hinweis auf neu eingestellte Beiträge.

Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

„Zum Blog „der-schwache-glaube“ …“ weiterlesen

Im Glauben zu sich selbst finden, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2019

Anselm Grün: Die Kunst, bei sich zu bleiben, Was wir von weisen Mönchen lernen können, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019, gebunden, Großdruck, ISBN: 978-3-579-01499-9, Preis: 18,00 Euro

Link: https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Kunst-bei-sich-zu-bleiben/Anselm-Gruen/Guetersloher-Verlagshaus/e559389.rhd

 

Es ist zunächst ein auffallend farbliches und grafisch aufwändig gestaltetes Buch, dass der ehemalige Cellerar des Klosters Münsterschwarzach Anselm Grün hier vorlegt. Das Druckbild ist extrem groß, was das Buch einerseits zum idealen Vorlesebuch macht, andrerseits auch für Sehbehinderte und ältere Menschen gut lesbar macht. Dem gegenüber wird der mangelnde Kontrast auf einigen wenigen farblich beige gestalteten Seiten in dieser Hinsicht zum Problem.

 

Pater Anselm Grün hat in der letzten Zeit schon mehrfach auf die Überlieferung der Wüstenmönche hingewiesen. Im Impressum ist allerdings auch vermerkt, dass dieses Buch im gleichen Verlag vor 12 Jahren schon einmal unter einem anderem Titel erschienen ist, nun aber neu ediert und gestaltet.

 

Was hat die sogenannten Wüstenväter, eigentlich Wüstenmönche oder Eremiten genannt, im vierten Jahrhundert bewogen, sich in die Abgeschiedenheit und lebensfeindliche Umwelt der syrischen oder ägyptischen Wüstenregion zurückzuziehen? Deutlich wird die Antwort auf diese Frage, an den Texten, die in diesem Buch exemplarisch dokumentiert werden. Dabei werden zuerst einzelne dieser Wüstenväter kurz biografisch vorgestellt: Antonius, Evagrius Ponticus, Johannes Cassian, Poimen, Dorotheus von Gaza, Johannes Klimakos.

Man muss es sich allerdings nicht so vorstellen, als hätten diese Eremiten sich in der Wüste ein Loch gegraben und dort gelebt. Antonius z. B. hielt sich in einer ehemaligen Zitadelle auf, die inzwischen zur Ruine verfallen war.

Die Wüstenmönche blieben in ihren Briefen mit ihren Mitbrüdern im Kontakt. Sie wurden durch Spenden verpflegt und waren dementsprechend auch gastfreundlich und freuten sich über Besuch. Ihre Lehren übten eine hohe Autorität aus.

Dass ihre Briefe später dokumentiert worden sind und ihre Biografien aufgeschrieben wurden, verdanken wir, dass die Nachwelt davon Kenntnis bekam.  Außerdem galten diese Mönche ja als Begründer des Mönchtums überhaupt.

 

Aus heutiger Sicht würde man sagen, dass sie hauptsächlich in die Wüste gingen, um besonders in der Ruhe zu meditieren und zu fasten. Hier muss allerdings auch vom Problem des Dämonenglaubens die Rede sein. Aus heutiger Sicht, muss man sich Dämonen allerdings als innere psychische Kräfte vorstellen. Die Kräfte der Frömmigkeit sollen dann einen Prozess der inneren Läuterung und Resilienz auslösen.

 

Pater Anselm Grün schreibt über Menschen in der heutigen Zivilisation: „Sie sind nicht in der Lage, bei sich zu bleiben, weil sie sich selbst nicht aushalten. Die Menschen haben Angst, in der Stille könnte etwas Unangenehmes in ihnen hochkommen. Sie könnten erkennen, dass ihr Leben nicht stimmt, dass sie an sich selbst vorbei leben.“

 

Werden solche Beobachtungen auf die Lehren der Wüstenväter bezogen, muss man auch mit Differenzen zur Gegenwart rechnen. Andererseits sind hier auch mystische Erfahrungen überliefert, die auch für die heutige menschliche Situation wichtig sein können. So haben die Eremiten auch in sich selbst die Erfahrung der Gegenwart Gottes gemacht, ohne dass diese (in der Rückgezogenheit) von der Kirche oder der Bibel vermittelt worden ist.

 

Für Anselm Grün sind die Überlieferungen der Wüstenväter zumindest zum Teil mystische Traditionen. Zu einer kurzen Einleitung bietet das Buch jeweils eine unkommentierte Zitatensammlung.

Diese Oberbegriffe Achtsamkeit, Schweigen, Freiheit, Herzensruhe, Einfachheit, Leidenschaft können auch in der Gegenwart dazu anregen, bei sich selbst zu bleiben und in sich zu gehen. Die Spiritualität der Wüstenväter erinnert uns heute eher an die Formen buddhistische Meditation, sind ab er auf dem Boden des Christentums entständen und im späteren Mönchtum weiter fortgesetzt worden.

 

Das Buch ist kein reines Andachtsbuch, sondern informativ und meditativ zugleich.

 

 

Videobeitrag von Spiegel.de gedreht in Hamburg und Welver

Am 18.09.2018, also ziemlich genau vor einem Jahr, las ich im Internet unter Twitter einen Kommentar, der zum Stichwort #bullyme dazu ermunterte, eigene Erfahrungen zum Mobbing in der Schule zu äußern. Dies hat mich bewogen, den entsprechenden Tweed zu versenden:

Im Januar diesen Jahres hat mich die zuständige Redakteurin von Spiegel.de kontaktiert, da sie Interviewpartner suchte. Da das Interview gegenüber aktuellen  Ereignissen immer ein wenig nachrangig war, musste es mehrfach verschoben werden. Auch auf persönliche Befindlichkeiten wurde Rücksicht genommen. Inzwischen habe ich sogar ein wenig zur Schulgeschichte recherchiert, da es das alte Schulgebäude schon lange nicht mehr gibt. Es war auch gar nicht einfach, im Internet Fotos der alten Schule zu finden, da auf der Homepage des märkischen Gymnasiums Iserlohn nur die aktuellen Dinge im Vordergrund stehen. In einer Festschrift aus dem Jahr 1984 bin ich dann endlich fündig geworden und habe daraus einige Bilder kopiert und dem Interviewteam gezeigt, ergänzt um einige Fotos aus dem Familienalbum.

Ich finde es gut, dass im Videobeitrag von Carolin Katschak und Anne Martin mein Material mit einem mehr aktuellen Interview kombiniert worden ist. Auch wenn sich die Situation an den Schulen doch stark gewandelt hat, gehört anscheinend  Mobbing immer noch zum Inventar.

https://www.spiegel.de/video/mobbingopfer-sprechen-ueber-ausgrenzung-und-demuetigung-video-99029609.html

Franz Rosenzweig. Vom gesunden und kranken Menschenverstand. Reprint..

Franz Rosenzweig: Das Büchlein vom gesunden und kranken Menschenverstand, Zuerst erschienen aus dem Nachlass 1964, jetzt: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag als Taschenbuch, 1. Auflage 2018, Kapitel 6-8, Seiten 64 – 105 (hier ohne Seitenzahlen und Anmerkungen, die sich am Ende des Buches befinden)

Fotos Niklas Fleischer

Da der Autor Franz Rosenzweig im Jahr 1929 gestorben ist, ist das Buch gemeinfrei. Ich veröffentliche hier die Kapitel 6 bis 8, da diese relativ selbständig vom übrigen Kontext zu lesen sind. Sie stehen zwar im Zusammenhang mit der zuvor symbolisch verstandenen Erzählung einer medizinischen Behandlung. Diese Erzählung behandelt eigentlich eine philosophische Frage, die der Ontologie, die Frage nach dem Sein. Franz Rosenzweig bestreitet die Auffassung, dass die Philosophie (und damit auch die Theologie) auf einem Bereich der Eigentlichkeit gründet, da man beim Bäcker auch kein eigentliches Brötchen kauft. Die Vorstellung, dass der Sinn des Lebens irgendwie eigentlich ist und sich daher vom täglichen Leben zu unterscheiden ist, bezeichnet Franz Rosenzweig als den kranken Menschenverstand. In den hier abgedruckten Kapiteln geht Rosenzweig dazu auf die drei metaphysischen Grundbegriffe Welt, Ich und Gott ein und zeigt damit exemplarisch, wie der Umgang damit in der Gegenwart der Moderne denkbar ist, ohne auf eine Ebene der Eigentlichkeit zu wechseln. Ob die Darstellung evident und schlüssig ist, mögen die Leserin und der Leser selbst entscheiden. Diese kurze Abhandlung aus dem Jahr 1922 ist für Franz Rosenzweig eine Zusammenfassung des Aufbaus seiner grundlegenden Arbeit „Stern der Erlösung“ (1919). Ich habe in dieser Veröffentlichung auf der Homepage die Seiten übernommen und den Text in der aktuellen Rechtschreibung wiedergegeben.

Zur besseren Übersichtlichkeit habe ich kleinere Textzitate als Zwischenüberschriften eingefügt. Die Fotos sind von Niklas Fleischer und zeigen Motive auf Dortmund.

„Franz Rosenzweig. Vom gesunden und kranken Menschenverstand. Reprint..“ weiterlesen

Die Erderwärmung stoppen, Rezension von Christoph Fleischer, Welver 2019

Zu:

Paul Hawken (Hg.): Drawdown, Der Plan, Wie wir die Erderwärmung umkehren können. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Thomas Görden, mit Geleitworten von Andreas Kuhlmann und Ernst Ulrich von Weizsäcker, deutschsprachige Ausgabe erschienen im Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019, Originalausgabe erschienen 2017. Softcover, farbig illustriert, 408 Seiten, ISBN 978-3-579-01472-2, Preis: 28,00 Euro

Links:https://www.drawdown.org (Englisch), https://www.randomhouse.de/Paperback/Drawdown-der-Plan/Paul-Hawken/Guetersloher-Verlagshaus/e551362.rhd

 

Das umfangreiche Buch ist ein farbig illustrierter und aufwändig ausgearbeiteter Katalog aller möglichen Formen der Energieerzeugung oder des sparsamen Umgangs mit Energie, was einer Erzeugung durch Einsparung gleichkommt. Im Buch wird das Einsparpotential an konkreten Beispielen im Bereich „Gebäude und Städte“ dargestellt.

Das Ziel der Studie „Drawdown“ ist mit dem Weltklimarat identisch, die klimaschädlichen CO2 Emissionen zu reduzieren. Doch um dieses Ziel zu erreichen, wird es praktisch umgekehrt. Nicht von einer Einsparung ist die Rede, sondern davon, die Energieerzeugung völlig CO2 neutral zu ermöglichen. Es ist technisch und ökonomisch möglich und Schritte in diese Richtung sind folgerichtig zunächst als Mittel der Reduktion anzusehen.

So heißt es in der Einleitung: „Der Untertitel des Buches – Wie wir die Erderwärmung umkehren können – mag etwas anmaßend klingen. Wir haben diese Formulierung gewählt, weil bislang noch kein detaillierter Plan, wie die globale Erwärmung rückgängig gemacht werden kann, veröffentlicht wurde. Es gibt Vereinbarungen, wonach der Anstieg der Emissionen verlangsamt oder gestoppt werden soll. Und es gibt internationale Verpflichtungserklärungen, den globalen Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.“

Man sollte sich vielleicht immer mal aus aktuellem Anlass ein Thema vornehmen, dass aktuell in der Presse diskutiert wird. In diesem Jahr kann das nur der Schutz des Waldes sein. Das Kapitel „Waldschutz“ findet sich als erster Artikel unter dem Oberbegriff Landnutzung. Hier heißt es zu Recht: „Würden alle Kahlschläge gestoppt und die Waldressourcen wiederhergestellt, könnte damit ein Drittel der globalen Kohlendioxidemissionen kompensiert werden.“ Auch wenn es wohl immer wieder gelang, die Anzahl der Waldrodungen durch Brand zu begrenzen, zu scheint die übermäßige Zahl der Brände in diesem Jahr (2019), die das Ausmaß einer globalen Katastrophe annehmen, hier nicht im Blick zu sein. Das ist natürlich kein Grund, den vorgelegten Katalog ganz an die Seite zu legen. Im Gegenteil: So lassen sich mit diesem Buch immer wieder konkrete Umweltthemen bearbeiten und kommentieren. Das Ranking der Energieeffiziens hilft bei einer allgemeinen Bewertung. Die etwa 100 Artikel wurden von einem Team von 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus 22 Ländern wissenschaftlich erarbeitet. Die Oberbegriffe zeigen auf, mit welcher inhaltlichen Breite dieser Maßnahmenkatalog angelegt ist: Energie, Ernährung, Frauen und Mädchen, Gebäude und Städte, Landnutzung, Transportwesen und Materialien.

 

Als ich das Buch zum ersten Mal in die Hand nahm, war ich persönlich zunächst einmal daran interessiert, auch einmal einen kritischen Punkt anzusehen, die Atomenergie. Stromerzeugung durch Atom ist im Vollzug klimaneutral. Aber damit sind die ungeheuren Risiken dieser Technologie ausgeblendet. Zusätzlich ist die Atomenergie mit so hohen Kosten belastet, so dass sie langfristig weltweit immer stärker auslaufen wird.

Der Abschnitt der Atomenergie wird in der deutschen Ausgabe zusätzlich durch eine Anmerkung des Herausgebers kommentiert, der auf die weltweite Sicherheitsproblematik hinweist. Trotzdem stellt der Bericht fest, dass es bis 2050 ungefähr bei einem Anteil von 12 % an der weltweiten Energieerzeugung bleiben wird. Da Atomenergie risikobehaftet und sehr teuer in der Energieproduktion ist, ist sie keine zukunftsorientierte Energieform.

Am Ende enthält das Buch unter dem Stichwort „Zukunftsvisionen“ einige Schwerpunktszenarien, die Projekte vorstellen, die zukunftsweisend sein könnten wie z. B. „autonomes Fahren“, „lebendige Gebäude“, „Nutzhanf“, „intelligente Stromnetze“ usw., um nur einige Beispiele zu nennen.

Der praktische Wert dieses wissenschaftlich fundierten Handbuchs liegt auf der Hand: Auch wenn einmal ein Aspekt durch die aktuelle Lage zu ergänzen oder bearbeiten wäre, so wird dieser Katalog eine Hilfe sein, die Maßnahmen zur Reduzierung der Erderwärmung zu fördern. Es ist ein wichtiges und notwendiges Buch. Das Ziel dieser Arbeit könnte darin bestehen, den wirtschaftlichen Nutzen der Energieeinsparung zu verdeutlichen, wie es etwa bei Passivenergiehäusern der Fall ist. Es ist kein Horrorgemälde, das das Ende der Zivilisation voraussagt, sondern ein Katalog der an praktischen Beispielen aufzeigt, dass die Zukunft ohne CO2 heute schon möglich ist.

Greta Thunberg: Rede im britischen Parlament, „Wir haben keine Ausreden mehr“

https://www.instagram.com/p/BzhlIrAiu6m/?igshid=1js2d7k953hr4

Anstelle eines passenden Fotos verweise ich auf mit dem Link auf Fotos von Greta Thunberg auf Instagram. Die Veröffentlichung der Rede erfolgt mit Erlaubnis der Blätter für deutsche und internationale Politik.

»Wir haben keine Ausreden mehr«

von Greta Thunberg

Nach ihren viel beachteten Reden auf der UN-Klimakonferenz im Dezember 2018 und beim Weltwirtschaftsforum im Januar 2019 ist die schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg zahlreichen weiteren Einladungen für öffentliche Auftritte gefolgt, zuletzt unter anderem bei Papst Franziskus. Wir dokumentieren nachfolgend in deutscher Erstveröffentlichung einen Vortrag, den Thunberg am 23. April im britischen Parlament gehalten hat und in dem sie ihre klimapolitischen Vorstellungen ausführlicher darlegt als bislang. Die Übersetzung stammt von Steffen Vogel. – D. Red.

Mein Name ist Greta Thunberg. Ich bin 16 Jahre alt. Ich komme aus Schweden. Und ich spreche im Namen der kommenden Generationen.

Ich weiß, dass viele von Ihnen uns nicht zuhören wollen – Sie sagen, wir wären bloß Kinder. Aber wir wiederholen nur die Botschaft der vereinten Klimaforscher. Viele von Ihnen scheinen besorgt, dass wir kostbare Unterrichtszeit verpassen. Aber ich versichere Ihnen, wir gehen wieder in die Schule, sobald Sie auf die Wissenschaft hören und uns eine Zukunft geben. Ist das wirklich zu viel verlangt?

Im Jahr 2030 werde ich 26 Jahre alt sein und meine kleine Schwester Beata 23, so wie viele Ihrer Kinder und Enkel. Das ist ein tolles Alter, hat man uns gesagt, wenn man das ganze Leben noch vor sich hat. Ich bin mir aber nicht sicher, dass es für uns so toll werden wird. Ich hatte das Glück, zu einer Zeit und an einem Ort geboren zu werden, wo uns jeder sagte, wir sollten nach den Sternen greifen: Ich konnte werden, was immer ich wollte. Ich konnte leben, wo immer ich wollte. Menschen wie ich hatten alles, was sie brauchten – und mehr. Dinge, von denen unsere Großeltern nicht einmal zu träumen wagten. Wir hatten alles, was wir uns jemals wünschen konnten. Doch jetzt haben wir vielleicht gar nichts.

Jetzt haben wir möglicherweise nicht einmal mehr eine Zukunft. Denn diese Zukunft wurde verkauft, damit eine kleine Zahl von Menschen unvorstellbar viel Geld verdienen konnte. Sie wurde uns jedes Mal gestohlen, wenn Sie sagten, der Phantasie seien keine Grenzen gesetzt und dass man ja nur einmal lebe.

Sie haben uns belogen. Sie haben uns falsche Hoffnungen gemacht. Sie haben uns erzählt, die Zukunft sei etwas, worauf wir uns freuen könnten. Und das Traurigste ist, dass sich die meisten Kinder nicht einmal bewusst sind, welches Schicksal uns erwartet. Wir werden es nicht begreifen, bevor es zu spät ist. Und doch gehören wir noch zu den Glücklichen. Jene, die es besonders hart treffen wird, leiden schon jetzt unter den Konsequenzen. Aber ihre Stimmen werden nicht gehört.

Ist mein Mikro an? Können Sie mich hören?

Um das Jahr 2030 – in zehn Jahren, 252 Tagen und zehn Stunden von heute aus – werden wir eine irreversible Kettenreaktion jenseits menschlicher Kontrolle ausgelöst haben, die höchstwahrscheinlich zum Ende unserer Zivilisation, wie wir sie kennen, führen wird. Es sei denn, dass in diesem Zeitraum permanente und beispiellose Veränderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen stattgefunden haben, darunter eine Reduktion der CO2-Emissionen um mindestens 50 Prozent. Beachten Sie bitte, dass diese Kalkulationen von Erfindungen abhängen, die noch nicht in größerem Umfang gemacht wurden, Erfindungen, die die Atmosphäre von astronomischen Mengen an Kohledioxid befreien sollen. Außerdem beinhalten diese Kalkulationen keine unvorhergesehenen Kipppunkte und Rückkoppelungsschleifen wie das extrem starke Methangas, das aus dem rapide tauenden arktischen Permafrost entweicht. Überdies enthalten diese wissenschaftlichen Kalkulationen nicht die verborgene Erderwärmung, die derzeit durch die toxische Luftverschmutzung verhindert wird. Nicht zuletzt fehlt in ihnen der Aspekt der Fairness – oder Klimagerechtigkeit –, der überall im Pariser Klimavertrag deutlich zu finden ist und der absolut notwendig ist, damit das Abkommen global funktionieren kann.

Wir müssen auch berücksichtigen, dass es sich hierbei nur um Kalkulationen handelt. Schätzungen. Das heißt, diese „Punkte, an denen es kein Zurück mehr gibt“ können etwas früher oder später als 2030 auftreten. Niemand kann das sicher wissen. Wir können uns allerdings sicher sein, dass sie etwa in diesem Zeitraum auftreten werden, da diese Kalkulationen keine Meinungen oder ins Blaue hinein geraten sind. Diese Projektionen stützen sich auf wissenschaftliche Tatsachen, auf die sich alle Länder über den IPCC geeinigt haben. Nahezu jede einzelne bedeutsame wissenschaftliche Organisation auf der Welt unterstützt die Arbeit und die Ergebnisse des IPCC vorbehaltlos.

Haben Sie gehört, was ich gerade gesagt habe? Ist mein Englisch okay? Ist das Mikro eingeschaltet? Denn langsam beginne ich mich zu wundern.

In den letzten sechs Monaten bin ich hunderte Stunden mit Zügen, Elektroautos und Bussen durch Europa gereist und habe diese lebensverändernden Worte unzählige Male wiederholt. Aber niemand scheint darüber zu sprechen und nichts hat sich verändert. Tatsächlich steigen die Emissionen nach wie vor. Bei meinen Reisen durch verschiedene Länder wird mir immer Hilfe angeboten, um über die spezifische Klimapolitik spezifischer Länder zu schreiben. Aber das ist nicht wirklich nötig. Denn das grundlegende Problem ist überall das gleiche. Und das grundlegende Problem besteht darin, dass im Grunde nichts getan wird, um den klimatischen und ökologischen Zusammenbruch aufzuhalten – oder wenigstens abzuschwächen –, trotz all der schönen Worte und Versprechungen.

Großbritannien ist allerdings sehr speziell, nicht nur wegen seiner atemberaubenden historischen Kohlenstoff-Schuld, sondern auch wegen seiner aktuellen, sehr kreativen Kohlenstoffberechnung. Seit 1990 hat Großbritannien laut dem Global Carbon Project eine 37prozentige Reduktion seiner territorialen CO2-Emissionen erreicht. Und das klingt sehr eindrucksvoll. Aber diese Zahlen beinhalten nicht die Emissionen aus Luft- und Schifffahrt sowie jene aus dem Im- und Export. Bezieht man diese Nummern ein, liegt die Reduktion laut dem Rechercheverbund Tyndall Manchester bei rund zehn Prozent seit 1990 – oder bei durchschnittlich 0,4 Prozent im Jahr. Und diese Reduktion resultiert nicht zur Hauptsache aus den Konsequenzen von Klimapolitik, sondern eher aus einer EU-Direktive zur Luftqualität von 2001, die Großbritannien im Grunde zwang, seine sehr alten und extrem schmutzigen Kohlekraftwerke zu schließen und sie durch weniger schmutzige Gaskraftwerke zu ersetzen. Der Wechsel von einer desaströsen Energiequelle zu einer etwas weniger desaströsen bringt natürlich sinkende Emissionen mit sich.

Aber vielleicht ist das gefährlichste Missverständnis bei der Klimakrise, dass wir unsere Emissionen „senken“ müssen. Denn das ist bei weitem nicht genug. Wenn wir unter einer Erwärmung von 1,5 bis 2 Grad bleiben wollen, müssen wir unsere Emissionen stoppen. Das „Senken der Emissionen“ ist natürlich notwendig, aber es ist nur der Anfang eines schnellen Prozesses, der innerhalb von ein paar Jahrzehnten oder früher zu einem Stopp führen muss. Und mit „Stopp“ meine ich Netto-Null – und dann schnell weiter zu negativen Zahlen. Dann ist der größte Teil der heutigen Politik nicht mehr möglich.

Der Umstand, dass wir über das „Senken“ statt über das „Stoppen“ der Emissionen sprechen, ist vielleicht die größte Kraft hinter dem Business as usual. Großbritanniens gegenwärtige Unterstützung für die neue Ausbeutung fossiler Brennstoffe – beispielsweise Großbritanniens Schiefergas-Fracking-Industrie, die Erweiterung seiner Öl- und Gasfelder in der Nordsee, den Ausbau von Flughäfen sowie die Planungserlaubnis für eine brandneue Kohlenmine – ist mehr als nur absurd. Dieses anhaltende unverantwortliche Verhalten wird in der Geschichtsschreibung zweifellos als eines der größten Versagen der Menschheit erinnert werden.

Die Leute sagen mir und den anderen Millionen Schulschwänzern immer, dass wir stolz auf uns sein sollten, für das, was wir erreicht haben. Aber das Einzige, worauf wir schauen müssen, ist die Emissionskurve. Und so leid es mir tut, aber sie steigt immer noch. Diese Kurve ist das Einzige, worauf wir schauen sollten. Jedes Mal, wenn wir eine Entscheidung treffen, sollten wir uns fragen: Wie wird diese Entscheidung diese Kurve beeinflussen? Wir sollten unseren Wohlstand und Erfolg nicht länger am Diagramm, das das Wirtschaftswachstum anzeigt, messen, sondern an der Kurve, die die Emission von Treibhausgasen anzeigt. Wir sollten nicht länger nur fragen: „Haben wir genug Geld, um damit weiterzumachen?“, sondern auch: „Haben wir ausreichend freies Kohlenstoffbudget, um damit weiterzumachen?“ Das sollte und muss das Zentrum unserer neuen Währung werden.

Viele Leute sagen, wir hätten keine Lösung für die Klimakrise. Und sie haben recht. Denn wie sollten wir auch? Wie „löst“ man die größte Krise, der sich die Menschheit jemals gegenübersah? Wie „löst“ man einen Krieg? Wie „löst“ man es, zum ersten Mal zum Mond zu fliegen? Wie „löst“ man es, etwas Neues zu erfinden? Die Klimakrise ist sowohl das einfachste als auch das schwerste Problem, dem wir uns jemals gegenübersahen. Leicht ist es deshalb, weil wir wissen, was wir tun müssen. Wir müssen die Emission von Treibhausgasen stoppen. Schwer, weil unsere aktuelle Wirtschaft immer noch völlig abhängig von der Verbrennung fossiler Energieträger ist und damit Ökosysteme zerstört, um immerwährendes Wirtschaftswachstum zu schaffen.

„Wie genau lösen wir das also?“, fragen Sie uns – die Schulkinder, die für das Klima streiken. Und wir sagen: „Das weiß niemand genau. Aber wir müssen aufhören, fossile Energieträger zu verbrennen, und die Natur wiederherstellen und viele andere Dinge tun, die wir noch nicht ergründet haben mögen.“ Dann sagen Sie: „Das ist keine Antwort!“ Also sagen wir: „Wir müssen anfangen, die Krise wie eine Krise zu behandeln – und handeln, selbst wenn wir noch nicht alle Lösungen haben.“ „Das ist immer noch keine Antwort“, sagen Sie. Dann sprechen wir über Kreislaufwirtschaft und Renaturierung und die Notwendigkeit eines gerechten Übergangs. Und dann verstehen Sie nicht, worüber wir reden. Wir sagen, dass niemandem alle benötigten Lösungen bekannt sind und wir uns deshalb hinter der Wissenschaft versammeln müssen und diese Lösungen auf dem Weg finden müssen. Aber Sie hören nicht darauf. Denn dies sind die Antworten zur Lösung einer Krise, die die meisten von Ihnen nicht einmal vollständig begreifen – oder begreifen wollen.

Sie hören nicht auf die Wissenschaft, weil Sie sich nur für Lösungen interessieren, die Sie in die Lage versetzen, weiterzumachen wie bisher. So wie jetzt. Und diese Antworten gibt es nicht mehr. Weil Sie nicht rechtzeitig gehandelt haben.

Um den Zusammenbruch des Klimas zu verhindern, braucht es ein Kathedralen-Denken: Wir müssen den Grundstein legen, obwohl wir noch nicht genau wissen, wie genau wir das Dach bauen sollen. Manchmal werden wir einfach einen Weg finden müssen. Sobald wir uns entscheiden, etwas zu erfüllen, können wir alles erreichen. Und ich bin mir sicher: Sobald wir uns verhalten, als hätten wir einen Notstand, können wir die klimatische und ökologische Katastrophe vermeiden. Die Menschen sind sehr anpassungsfähig: Wir können das immer noch in Ordnung bringen. Aber die Möglichkeit dazu wird nicht mehr sehr lange gegeben sein. Wir müssen heute beginnen. Wir haben keine Ausreden mehr.

Wir Kinder opfern nicht unsere Ausbildung und unsere Kindheit, damit Sie uns sagen, was Sie für politisch möglich halten, in dieser Gesellschaft, die Sie geschaffen haben. Wir gehen nicht auf die Straße, damit Sie Selfies mit uns machen und uns erzählen, dass Sie wirklich bewundern, was wir tun.

Wir Kinder tun dies, um Sie, die Erwachsenen, aufzuwecken. Wir Kinder tun dies, damit Sie Ihre Differenzen beiseite schieben und endlich so handeln, wie Sie es in einer Krise tun würden. Wir Kinder tun dies, weil wir unsere Hoffnungen und Träume zurückhaben wollen.

Ich hoffe, mein Mikrofon hat funktioniert. Ich hoffe, Sie alle konnten mich hören.

(aus: »Blätter« 6/2019, Seite 59-63)