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… ist im Einleitungstext alles gesagt. Die Homepage www.der-schwache-glaube.de ist auf die Blog-Seite umgezogen.
Zur Internet-Präsenz gehören Twitter und Facebook. Wenn ich auf interessante Links stoße, dann twittere ich sie meistens. Auf der Seite von Facebook reagiere ich auf das, was andere schreiben oder ich poste mal ein Bild, manchmal auch ein Hinweis auf neu eingestellte Beiträge.

Drüggelter Kapelle am Möhnesee

 

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Typischer Drewermann-Ton, Rezension von Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

 Zu: Eugen Drewermann: An der Quelle des Lebens, Worte mit Herz und Verstand, (Hg) Heribert Körlings, Patmos Verlag, Ostfildern 2020

 

Link: https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/an-der-quelle-des-lebens-011247.html

„An der Quelle des Lebens“ heißt diese Textsammlung aus Werken von Eugen Drewermann. Das handliche und schöne Büchlein – mit Lesebändchen – ist beim Patmos Verlag zum 80. Geburtstag von Eugen Drewermann erschienen und eignet sich gleichermaßen für Theologinnen und Theologen und für Menschen, die an Spiritualität und einem Kennenlernen von Drewermanns Werk interessiert sind. Bei mir lag es auf dem Nachttisch und immer, wenn ich Lust hatte, habe ich eines der neun Kapitel gelesen. Zusammengestellt und herausgegeben hat die Textsammlung Heribert Körlings. Heribert Körlings war Studiendirektor und Lehrer für Deutsch und Katholische Religion am Kaiser-Karls-Gymnasium in Aachen. In der Veröffentlichung von Drewermanntexten ist er kein Unbekannter. Körlings gelingt es aus der unendlichen Fülle des literarischen Schaffens Drewermanns mit einem guten Gespür und einer theologisch hermeneutischen Treffsicherheit relevante Texte Drewermanns in „An der Quelle des Lebens“ zu versammeln und thematisch zu gliedern. Auch wenn manche Aussagen Drewermanns inzwischen etwas altbacken wirken, ist es doch erstaunlich, wie sehr sie inhaltlich in unsere Zeit passen.

Im letzten Kapitel heißt es, wenn der Mensch „dem Strom des Lebens gegen die Strömung bis zur Quelle folgt und sich buchstäblich <<den Kopf waschen lässt>> in dem reinigenden Wasser – unbezahlt und unbezahlbar“, dann wird er selbst die Erfahrung machen, dass man „Geld und Gold nicht essen“ kann (135).

„An der Quelle des Lebens“ zu verweilen, dazu laden die ausgewählten Textpassagen ein. Wer mag, schlägt einfach irgendwo auf und beginnt zu lesen und gleicht das Gelesene mit den eigenen Erfahrungen und Denkbemühungen ab. Heribert Körlings hat versucht, die Flut des Materials in ein Textbett zu legen, beginnend mit dem Kapitel Begegnung und Gespräch: „DAS EINZIGE was wir tun sollten, ist, den anderen zu begleiten, dahin, wohin er selbst gehen möchte, um nach Hause zu kommen.“(15)

Es folgt das Kapitel: Die Natur und die Liebe. Nach der Begegnung und der Ichwerdung über das Du, der sozialen Erfahrung des Menschseins, kreisen diese Texte um den unendlichen Kosmos und die Winzigkeit des Menschen, um Weite und Einsamkeit, um Glauben und Freiheit: „Einzig die Liebe vermag einen anderen Menschen in seiner Winzigkeit als unendlich groß, unendlich wichtig, für alle Ewigkeit bedeutend zu entdecken.“(34)

Wie kann es gelingen bei mir selbst zu sein und mich auszuhalten? Unter dieser Fragestellung sind Texte in Kapitel drei zusammen gestellt: „SICH SELBER FINDEN – das heißt als erstes, all die verinnerlichten Formen von Zwang und Außenlenkung abzustreifen, die bislang aus dem Erbe von Tradition und Institution dem Leben Halt zu geben schienen.“(56)

Im Kapitel vier mit dem Titel: Niemand ist freiwillig böse spricht der psychoanalytisch ausgebildete Theologe und wirbt dafür, andere nicht zu richten, bevor wir nicht ihre Geschichte kennen. „DER EINZIGE, der über Menschen urteilen darf ist Gott, und er – das war die ganze Botschaft Jesu – will die Vergebung und nicht die Verurteilung des Menschen.“(65)

Im Kapitel fünf versammelt Heribert Körlings Texte über den notwendig Anderen. Dieser notwendig Andere ist Gott selbst, da er die Not des Menschen wenden kann: „Es wäre ganz gewiss eine Illusion, in einem anderen Menschen etwas Absolutes sehen zu wollen, aber die Sehnsucht, es müsse etwas Absolutes an Halt und Geborgenheit geben, muss deshalb in sich selbst noch lange keine Illusion sein.“(89)

In der Tradition der katholischen Dogmatik stehend, die von der Gotteserkenntnis aus der Schöpfung über die Erkenntnis des Schöpfers zur Erkenntnis des Sohnes Gottes kommt, heißt das sechste Kapitel bei Körlings: Jesus, die Brücke zu Gott und zu den Menschen: SEIT DEM AUFTRETEN JESU gibt es Gott als eine <<väterliche>> Macht – <<für uns>>.“(95)

Der Vollzug des Glaubens und Vertrauens ist geistgewirkt. Bei Drewermann fällt der Geist auffallend unter dem Tisch, jedenfalls was diese Sammlung angeht. Körlings hat sich aber nach den Kapiteln über Gott und Jesus folgerichtig für das Thema: Vertrauen wagen entschieden. „Es gibt keine Wahrheit über Gott zu wissen außer der Wahrheit des eigenen Herzens. Solange wir wagen, diese Wahrheit durch Vertrauen zu finden, sind wir nah bei Gott.“

Diese Wahrheit hat sich zu bewähren und bewährt sich in einem Leben vor und nach dem Tod, wie das achte Kapitel heißt. Das ewige Leben ist nicht die ewige Fortsetzung des irdischen Lebens, sondern eine Qualität der Gottesnähe, die schon hier und jetzt in der Liebe erfahren wird: „NICHTS, WAS WIR WIRKLICH LIEBEN; WIRD ZERSTÖRBAR SEIN.“(114)

Das neunte und letzte Kapitel verhandelt dann ethische Fragen unter der Überschrift: miteinander unterwegs. Es kommt mir wie ein Appendix vor und hätte einen eigenen Leseband verdient.

„An der Quelle des Lebens“ ist ein Buch „mit Herz und Verstand“, wie es auch der Untertitel sagt. Wer sich geistig und spirituell erfrischen lassen will, findet hier Nachdenkliches und viel Anregungen zum Meditieren – im typischen Drewermann-Ton.

 

Offenbarung als Ausgang der Theologie? Notizen zu Franz Rosenzweig „Atheistische Theologie“, Christoph Fleischer, Welver 2021

Literatur: Franz Rosenzweig: Atheistische Theologie, in: Kleinere Schriften, Schocken Verlag, Jüdischer Buchverlag 1937, später auch als Band III, Franz Rosenzweig, gesammelte Werke.

Durch diesen Aufsatz wird Franz Rosenzweig im Jahr 1914 persönlich mit Martin Buber bekannt. Allerdings hat Buber den Aufsatz unveröffentlicht zurückgeschickt.

Auch die spätere Schriftensammlung „Zweistromland. Kleinere Schriften aus Religion und Philosophie“ (Philo Verlag 1926, jetzt als Reprint bei Amazon), die vollständig in die o. g. Ausgabe aufgeht, enthält den Aufsatz „Atheistische Theologie“ nicht.

Das Wort „Atheistische Theologie“ war bis dahin kaum bekannt, Franz Rosenzweig zeigt jedoch, was damit gemeint ist. Zunächst war mir selbst nicht klar, ob der Autor selbst eine solche „Theologie“ befürwortet oder sich davon abgrenzt, was wohl eher der Fall ist.

In den letzten vier Sätzen des Aufsatzes zeigt Franz Rosenzweig, dass die Zukunft weder im Christentum noch im Judentum in einer „atheistischen Theologie“ liegen kann, ohne damit allerdings die Ergebnisse der philosophischen Religionskritik in Frage zu stellen. Ausweg ist nun der Begriff „Offenbarung“ als „geschichtliche Tat“, die die „Geschichtlichkeit der Geschichte“ in Kraft setzt. (Ich habe das absichtlich so zitiert, um aufzuzeigen, dass diese positive Theologie immer von ihrer Definition abhängig ist.)

Später wird er bis zu seinem Tod im Jahr 1929 die hebräische Bibel ins Deutsche übersetzen. Im Grunde wird es also wie auch bei Rudolf Bultmann zu einem hermeneutischen Ansatz der Bibelauslegung führen, bei dem sich die Schrift mit Blick auf den historischen Kontext selbst auslegt.

Formal gesehen ist eine „atheistische Theologie“ nötig geworden, seitdem in der Theologie wissenschaftliche Voraussetzungen definiert wurden, was seit der Aufklärung der Fall ist. Schlicht gesagt geht es dabei einerseits um die Geschichte der historisch orientierten Exegese (z. B. Leben-Jesu-Forschung), die mit Albert Schweitzer als gescheitert gilt, zumindest soweit sie meinte, ein authentisches Leben Jesu rekonstruieren zu können.

Franz Rosenzweig wechselt in seinem Aufsatz immer wieder von der christlichen Exegese hin zum jüdischen Selbstverständnis, indem er hierbei gemeinsame Tendenzen entdeckt.

Dies soll kurz am Beispiel des Mythos aufgezeigt werden: „… die rationalistische Vermenschlichung der Christusgestalt zum Jesus der Leben-Jesu-Theologie …, wurde in der Judenvolks-Theologie zum Hebel der rationalistischen Vergötterung des Volks“ (S. 284) (Dieser Satz richtet sich vermutlich an Martin Buber, der in seinen Reden über das Judentum betont, das Judentum sei in erster Linie als Religion zu verstehen und nicht als Volk, Staat oder Land, das dieser Vollendung entgegensieht. Die Vision einer Neuansiedlung in Palästina nahm am Ende des 19. Jahrhunderts immer konkretere Formen an.)

So wie einerseits Christus zum Gottesbild wird, wird im Judentum der Gottesbund, religiös gefeiert und zum Glaubensinhalt erklärt (d. meint, dass die religiöse Feier sich selbst erklärt bzw. selbstreflexiv definiert).

Die „Offenbarung“ wird sich als „Mythologie“ erweisen. Der Mythos ist ein Bild der Geschichte und wird benötigt, um die Bedeutung der religiösen Inhalte zu untermauern.

Die „atheistische Theologie“, so Rosenzweig, zeigt, was unter Verzicht auf den Mythos übrigbleibt. Franz Rosenzweig betont aber auch zu Recht, dass das „Über“ – Menschliche (Gottes) dem Menschen gegenüber wie ein Spiegel funktioniert. Vermutlich werden hier wie dort Projektionsinhalte auf Judentum oder Christentum angewandt.

Erst ganz gegen Ende des Aufsatzes erscheint die Mystik als Alternative, wobei Rosenzweig vermutlich auch hier wieder an Martin Buber selbst gedacht hat, der die Mystik der Chassidim erforscht und Beispiele veröffentlicht hat. Rosenzweig zeigt, dass in der Mystik zwar Gott auch an die Menschengestalt gekoppelt wird, dennoch aber unverfügbar und göttlich bleibt und zitiert ein Beispiel der jüdischen Mystik: „Gott spricht: wenn ihr mich nicht bezeugt, so bin ich nicht.“ (S. 289)

Der am Anfang zitierte Schlussabschnitt wird hier mit einem ausführlichen Schachtelsatz eingeleitet, der an die von Sören Kierkegaard bekannte Rede von einer Kluft erinnert, die das religiöse Erleben erst möglich macht. Analogien auf christlicher Seite lassen sich in der dialektischen Theologie Karl Barths finden.

Doch anstelle zwischen Gott und Mensch liegt die Kluft hier zwischen rationalem Glaubensverständnis einschließlich der Differenz zwischen Mystik und Rationalismus und dem Verständnis des Menschen als Empfänger der Offenbarung.

Meines Erachtens hat Martin Buber den Aufsatz zu Recht zurückgewiesen, weil der Schluss letztendlich argumentativ nicht genügend ausgearbeitet worden ist. Mystik lässt sich nicht vorschnell mit dem Gegenteil von Rationalismus gleichsetzen. Andererseits ist der Begriff der Offenbarung doch bei Rosenzweig zu sehr an der Geschichtlichkeit orientiert, sie offenbart also hauptsächlich die Differenz zwischen Gott und Mensch. Die positiven Inhalte der „Offenbarung“ bleiben unter Projektionsverdacht, was Rosenzweig hier nicht erkennt. Hierzu sei einmal auf das Buch „Moses“ von Martin Buber verwiesen, mit der er die Übersetzungsarbeit am Pentateuch quasi auswertet, und einen politischen Anführer entdeckt, dem die religiöse Verbindung wichtig ist. Mose ist für Buber der Erfinder eines Bundesgesetzes, das mit dem Kult ein Volk zusammenführt und bildet.

Es folgt nun die Dokumentation des Textes von Franz Rosenzweig als PDF, entnommen der Ausgabe von 1937 (s.o.).

Predigt zum Menschen „Pilatus“ in der Markuskirche am 27.02.2021, Erhard Lay, Herzogenrath 2021

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein Pfarrer in unserer Gegend erzählte mir vor längerer Zeit von der Frage eines seiner Konfirmanden: „Jesus ist doch an einer Krankheit gestorben?“ Gegenfrage des Pfarrers: „Wie kommst Du denn darauf?“ Der Konfirmand: „Jeden Sonntag wird doch gesprochen: ‚Gelitten unter Pontius Pilatus‘“.

Eine Krankheit ist für Betroffene nichts Positives. Gilt das auch für den Menschen Pontius Pilatus, der Jesus zum Tod am Kreuz verurteilt hat? Blutrichter oder Werkzeug Gottes in dessen Heilsplan mit uns Menschen? Immerhin hat er es als einziger Mensch außer Maria in unser Glaubensbekenntnis geschafft.

Alle vier Evangelisten berichten über ihn, wobei diesen teils unterschiedliche Aspekte wichtig sind. Da die Texte sehr lang sind, hören wir Auszüge aus Lukas, Kapitel 22, Verse 66 – 71 u. Kap. 23, 1 – 25 aus der Luther-Bibel:

66 Und als es Tag wurde, versammelte sich der Rat der Ältesten des Volkes – Hohepriester und Schriftgelehrte -, und sie führten ihn vor den Hohen Rat.  

70 Da sprachen sie alle: Bist du der Sohn Gottes?  Er sprach zu ihnen: Ihr sagt es, ich bin es. 23,1 Sie führten ihn vor Pilatus 2 und fingen an, ihn zu verklagen. Wir haben gefunden, dass dieser unser Volk aufhetzt und verbietet, dem Kaiser Steuern zu geben, und spricht, er sei Christus, ein König.

3 Pilatus aber fragte ihn: Bist du der Juden König? Er antwortete ihm: Du sagst es. 4 Pilatus sprach zu den Hohepriestern und zum Volk: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen. 5 Sie aber beharrten darauf: Er wiegelt das Volk auf damit, dass er lehrt im ganzen jüdischen Land, angefangen von Galiläa bis hierher. 6Pilatus fragte, ob der Mensch aus Galiläa wäre, 7 und dass er unter die Herrschaft es Herodes gehörte, sandte er ihn zu Herodes, der in diesen Tagen auch in Jerusalem war. 8 Als aber Herodes Jesus sah, freute er sich sehr, denn er hätte ihn längst gerne gesehen. 9 Und er fragte ihn mancherlei. Er antwortete ihm aber nichts. 10 Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten verklagten ihn hart. 11 Aber Herodes und seine Soldaten verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein weißes Gewand an und sandte ihn zurück zu Pilatus. 13Pilatus aber rief die Hohenpriester und die Oberen und das Volk zusammen und sprach: 14 Ich habe an diesem Menschen keine Schuld gefunden; 15 Herodes auch nicht, denn er hat ihn zurückgesandt. Er hat nichts getan, was den Tod verdient. 18 Da schrien sie alle miteinander: Hinweg mit diesem. Gib uns Barabbas los! 19 Der war wegen eines Aufruhrs und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden.

20 Da redete Pilatus abermals auf sie ein, weil er Jesus losgeben wollte. 21 Sie riefen aber: Kreuzige, kreuzige ihn! 22 Er sprach zum dritten Mal zu ihnen: Was hat denn dieser Böses getan? Ich habe keine Schuld an ihm gefunden, die den Tod verdient; darum will ich ihn züchtigen lassen und losgeben.

 23 Aber sie setzten ihm zu mit großem Geschrei und forderten, dass er gekreuzigt würde. Und ihr Geschrei nahm überhand. 24Und Pilatus urteilte, dass ihre Bitte erfüllt würde 25 und ließ den los, der wegen Aufruhr und Mord ins Gefängnis geworfen war, um welchen sie baten; aber Jesus übergab er ihrem Willen.

Soweit das Evangelium des Lukas. Weitere Aspekte aus den anderen Evangelien werden noch ergänzend angesprochen.

Wer war nun dieser Mensch, von dem uns in den Evangelien, aber auch von nichtchristlichen Geschichtsschreibern, wie Philo von Alexandrien, Flavius Josephus und Tacitus berichtet wird?

Seine geschichtliche Rolle mit Bedeutung für die Christenheit spielt er als Präfekt, bei Luther Statthalter genannt, für Judäa, aber auch für das nördlich gelegene Samaria und Idumäa im Süden von Judäa.

Er stammt aus Mittelitalien. Sein Vorname ist nicht bekannt. „Pontius“ ist der Familienname, weil er von den „Pontiern“ abstammte. Der Beiname „Pilatus“ könnte von „Pilum“, dem Speer der römischen Legionäre abgeleitet sein. Oder auch in Verbindung mit „Pileus“ stehen, der Filzkappe, die römischen Sklaven bei ihrer Freilassung aufgesetzt wurde.

Pontius Pilatus wurde römischer Soldat, Offizier und Kommandeur, bis er nach seinem Militärdienst im Jahr 26 n. Chr. zum Präfekten in Palästina ernannt wurde. Unterstellt war er dem Legaten von Syrien, der den Kaiser im Osten des römischen Reiches vertrat.

Hauptaufgabe des Statthalters war es, in seiner Provinz für Ruhe und Frieden zu sorgen und die „Kultur zu fördern“. Dies geschah nach dem sogenannten Prinzip „Zuckerbrot und Peitsche“. Das heißt: Entgegenkommen, was Kultur bzw. Religion und Lebensführung anbelangt, aber hartes Durchgreifen bei Unruhen und Aufständen.

Judäa war eine unruhige Provinz. Und doch hat Pilatus es geschafft, es auf eine relativ lange Amtszeit von ca. 10 Jahren zu bringen. Eine Hilfe dazu war das gute Einvernehmen mit dem obersten Repräsentanten der Juden, dem Hohepriester Kaiphas.

Bekannt ist z. B. der Bau einer Wasserleitung nach Jerusalem, was auch durch notwendige Viadukte sehr kostspielig war. Deshalb griff Pilatus in die Tempelkasse, was die Bevölkerung in Aufruhr versetzte. Etwas differenziert betrachtet, war diese gleichzeitig eine Art Staatskasse, weil der Tempel auch Wirtschafts- und Finanzzentrum des Judentums war. Außerdem kann der Hohenpriester schlecht übergangen worden sein. Es kam aber dadurch zu einer Rebellion, bei der Verletzte und Tote aus der Bevölkerung zu beklagen waren. Es sind eine Reihe von Bluttaten bezeugt, aber auch ein Einlenken, wie beim erfolgreichen Protest gegen das Hereintragen von Standarten mit dem Kopf des Kaisers durch römische Truppen nach Jerusalem, was dem Bilderverbot des Gesetzes des Mose widersprach.

Der Hohe Rat nahm nicht alles hin, sondern beschwerte sich mehrfach beim römischen Kaiser, wenn die Maßnahmen der Statthalter zu weit gingen. Die Geschichtsschreiber berichten über Pilatus von Gewalttätigkeit, Räuberei, Bestechlichkeit, Misshandlungen und Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren. Kaiser Tiberius beließ ihn dennoch auf seinem Posten. Offensichtlich führte er die Unruheprovinz doch zur Zufriedenheit der Staatsführung. Letztlich kam es auch durch eine Intrige zu seinem Sturz.

Auslöser war ein Vorfall im Jahr 36, als ein sogenannter „falscher Prophet“ die Samaritaner aufwiegelte, mit ihm auf den heiligen Berg Garizim zu steigen. Die Menge erschien mit Waffen, offenbar gerüstet für den „Endkampf“. Pilatus schickte schwerbewaffnete Soldaten, es kam zu einer Schlacht mit vielen Toten und anschließenden Hinrichtungen.

Der Hohe Rat der Samaritaner beschwerte sich beim Legaten von Syrien, Vitellius, und behauptete, sie hätten keinen Aufstand geplant, sondern sich lediglich zur Flucht vor dem gewalttätigen Pilatus versammelt.

Vitellius schickte Pilatus nach Rom zur Rechtfertigung vor dem Kaiser. Gleichzeitig setzte er seinen Freund Marcellus zunächst kommissarisch auf Pilatus Stelle und enthob den jüdischen Hohepriester Kaiphas seines Postens, weil dieser angeblich mit Pilatus gemeinsame Sache gemacht habe.  Als Pilatus in Rom ankam, war Kaiser Tiberius bereits verstorben und die Spur von Pontius Pilatus verliert sich in der Geschichte.

Zurück ins Jahr 30, als Pontius Pilatus noch auf dem Höhepunkt seiner Macht war und mit dem Fall Jesus befasst wurde. Der Statthalter residierte normalerweise in Cäsarea am Mittelmeer, kam aber wegen des jüdischen Passahfestes in seinen Palast nach Jerusalem. Natürlich nicht um mitzufeiern, sondern um bei einem möglichen Aufruhr vor Ort zu sein.

Der Hohe Rat hatte Jesus von Nazareth durch die jüdische Tempelwache festnehmen lassen mit dem Ziel ihn zu beseitigen.

Jesus war anstößig geworden. Er predigte das nahe Reich Gottes, sein Reich sei nicht von dieser Welt, er sei Gottes Sohn, setzte sich über Teile des Gesetzes Mose hinweg, setzte sich mit Armen und Ausgestoßenen an den Tisch und stellte wirtschaftliche und Machtstrukturen in Frage. Die Tempelaustreibung der Händler betraf die Einkommensquelle von Priestern einschließlich des Hohepriesters. Jesus hatte eine beträchtliche Anhängerschaft und er war als König in Jerusalem zum Passahfest empfangen worden. Wäre ein Aufruhr entstanden, hätte Pilatus wieder gewaltsam eingreifen müssen, was der Hohe Rat nicht heraufbeschwören wollte.

Jesus nach dem Gesetz des Mose zu steinigen, getrauten sie sich nicht, da der Statthalter anwesend war.

Nachdem Jesus beim Verhör vor den 71 Männern des Hohen Rates deren Frage nach seiner Gottessohnschaft und damit die Gotteslästerung aus ihrer Sicht bestätigt hatte, ging es gemeinsam zu Pilatus, der nach römischem Recht für die Todesstrafe zuständig war.

Ihnen war natürlich klar, dass der Präfekt sich nicht für innerjüdische Religionsstreitigkeiten interessierte. Deshalb brachten sie Anklagepunkte vor, die sie für römische Interessen hielten, nämlich: Volk aufhetzen, Steuern zahlen verbieten und sich König nennen. Dabei hatte Jesus nichts gegen das Zahlen von Steuern gesagt, sondern „gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“

Pilatus sah offensichtlich keine Gefahr in diesem Wanderprediger und lehnte einen Schuldspruch ab.

Als er aber hörte, dass Jesus aus Galiläa stammte, ergriff er die Chance, das Problem zuständigkeitshalber an Herodes Antipas – ein Sohn von Herodes dem Großen – los zu werden, denn Galiläa war dessen Herrschaftsbereich. Herodes war ebenfalls wegen des Passahfestes in seinem Palast in Jerusalem anwesend. Dieser wollte Jesus gerne kennenlernen, aber Jesus verweigerte die Aussage. Das löste den Spott von Herodes mit Gefolge aus und er wurde als sogenannter König mit dem weißen Königsgewand der Juden zu Pilatus zurückgeschickt.
Dieser Vorgang hat sich in unserer Sprache mit dem Ausspruch „Von Pontius zu Pilatus schicken“ bis heute gehalten. Hier wurde Jesus von Pontius Pilatus über Herodes zu Pontius Pilatus zurückgeschickt.

Pilatus teilte den Hohepriestern und dem anwesenden Volk mit, dass er und Herodes keine Schuld bei

Jesus gefunden hätten. Anmerkung: Wenn von Hohenpriestern in der Mehrzahl die Rede ist, denkt man, dass die Vorgänger oder zumindest der Vorgänger von Kaiphas, nämlich Hannas, dessen Schwiegervater, mitgemeint ist.

Was bei Lukas nur kurz geschildert wird, kommt bei den anderen Evangelisten ausführlicher zur Geltung. Es war üblich, dass der römische Statthalter einen politischen Gefangenen begnadigte und damit sein Wohlwollen gegenüber dem jüdischen Volk zeigte. Jetzt hatte Pilatus der Volksmenge Jesus und den Aufrührer und Mörder Barabbas zur Auswahl vorgeschlagen. Die Menge schrie: „Barabbas“. Pilatus versuchte es ein zweites und drittes Mal, Jesus durchzusetzen. Aber mit großem Geschrei wird die Kreuzigung gefordert. Bei Johannes wird noch zusätzlicher Druck aufgebaut, indem die Menge ruft: „Lässt du diesen frei, bist du des Kaisers Freund nicht.“ Pilatus wird die Drohung gespürt haben, ihn in Rom anzuschwärzen. Er gibt nach und ordnet die Kreuzigung an.

Matthäus schreibt außerdem, dass die Oberen der Juden aus Neid Jesu Tod wollten. Eine andere Person setzt sich nach Matthäus noch für Jesus ein; die Frau des Pilatus, deren Name wir nicht erfahren. Außerhalb des Neuen Testaments wird sie später Claudia genannt und sie wird in der koptischen und orthodoxen Kirche als Heilige verehrt. Warum? Während der Verhandlung schickte sie einen Boten zu ihrem Mann und ließ ausrichten: „Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.“ Dieser Einsatz hatte nichts bewirkt und wäre auch gegen Gottes Heilsplan gewesen. Er war aber ein Bekenntnis zu Jesus.

Bei Matthäus finden wir auch die Stelle, an der Pilatus seine Hände in Unschuld wäscht. Das ist ein Zeichen, das die Juden aus dem 5. Buch Mose kennen. Wenn die Ältesten eines Ortes, in dessen Nähe ein Ermordeter gefunden wurde, aber der Täter unbekannt war, wuschen sie sich symbolisch die Hände in Unschuld.

Die als INRI (Jesus Nazarenus Rex Judaeorum = Jesus von Nazareth König der Juden) bekannte Kreuzesaufschrift bei Johannes kommt in allen Evangelien ähnlich lautend vor. Pilatus ändert diese auch nach Protesten der Hohenpriester nicht dahingehend, dass Jesus gesagt habe, er sei der König der Juden.

Dann kommt Pilatus im Neuen Testament noch einmal vor, wo er dem Ratsherrn Joseph von Arimatäa genehmigt, den Leichnam Jesu abzunehmen und in dessen eigener Gruft zu bestatten; zunächst sogar mit einigen Soldaten als Wache. Die Hohenpriester befürchteten, dass die Jünger von Jesus den Leichnam stehlen könnten.

Somit bleibt das zwiespältige Bild von der Rolle des Pontius Pilatus bei der Kreuzigung Jesu. Einerseits ist er der Henker Jesu, der aus Eigeninteresse wegen Machterhaltung und politischem Kalkül, nämlich Gefälligkeit gegenüber dem Hohen Rat, so gehandelt hat. Andererseits ist er in die Heilsgeschichte eingebunden und kann somit als Gottes Werkzeug gesehen werden. Ohne Kreuzigung keine Sündenvergebung und ohne Auferstehung kein ewiges Leben. Ohne das Urteil des Pontius Pilatus wäre die Weltgeschichte anders verlaufen. In der äthiopisch-orthodoxen Kirche wird er sogar als Heiliger verehrt.

Soweit gehen die anderen christlichen Kirchen nicht. Aber bis zur Entstehung des apostolischen Glaubensbekenntnisses im 5. Jahrhundert tauchte Pontius Pilatus trotz aller Widersprüchlichkeit immer wieder in Bekenntnissen der frühen Kirche auf.

Die Schuldfrage bezüglich der beteiligten Juden hat in der Geschichte zu vielen furchtbaren Verbrechen geführt, sicher mitverursacht durch die bei Matthäus beschriebene Antwort des Volkes auf die Händewaschung des Pilatus in Unschuld: “Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ Dies gehört leider auch zur Wirkungsgeschichte der Verurteilung Jesu.

Wie geht es uns, wenn wir das Handeln des Pontius Pilatus bewerten? Kennen wir nicht auch Situationen, in denen wir vor die Wahl gestellt sind, nach unserer Überzeugung zu handeln oder sogenannten Sachzwängen zu folgen? Oder es stellt sich die Frage so: Welche Vor- oder Nachteile habe ich, wenn ich entgegen meiner Überzeugung handle?

Das ist dann auch oft die Frage nach der Wahrheit.

Nachdem Jesus bei Johannes zu Pilatus gesagt hatte, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, fügt er hinzu, dass er in die Welt gekommen sei, um die Wahrheit zu bezeugen. Pilatus fragt nur: „Was ist Wahrheit?“ Die Frage bleibt offen, weil sich der Statthalter dann wieder den Juden zuwendet.

Jesus beantwortet die Frage in Johannes 14, 6 so: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

Für diese Wahrheit hat sich Pontius Pilatus nicht interessiert. Dennoch ist er in der Geschichte der christlichen Kirche milder betrachtet worden als im Judentum, wo er zwar teils für die jüdische Kultur zugänglicher, aber vor allem als grausamer Vertreter der unbeliebten Besatzungsmacht galt.

Er hat es in unser Apostolisches Glaubensbekenntnis geschafft; nicht als Krankheit, wie anfangs erwähnt, aber auch nicht als Heiliger. Sondern als ein Mensch, der in der Heilsgeschichte Gottes eine besondere und schuldbeladene Rolle gespielt hat.

Für uns gilt die Antwort Jesu auf die Frage des Pontius Pilatus nach der Wahrheit in besonderer Weise. Jesus ist der Weg zu Gott und damit die Verkörperung der Wahrheit. Und er gibt uns das Leben; ein echtes und erfülltes Leben hier und jetzt und über den Tod hinaus. – Amen

Von der Antike bis heute: 1700 Jahre jüdisches Leben im deutschsprachigen Raum, aktuelle Pressemitteilung, Berlin 2021


Shared History virtuelles Museum ist ab 28. Februar 2021 eröffnet  www.sharedhistoryproject.org.

Berlin, 22. Februar 2021.- Das Leo Baeck Institute – New York | Berlin (LBI) eröffnet am 28. Februar 2021 den ersten virtuellen Ausstellungsraum zu Shared History (Geteilte Geschichte): 1700 Jahre jüdisches Leben im deutschsprachigen Raum.

Anhand von 58 Objekten erzählt Shared HistoryWoche für Woche die Geschichte der zentraleuropäischen Juden, beginnend mit dem Edikt von Konstantin dem Großen aus dem Jahre 321, das Juden erstmals Ämter in der städtischen Verwaltung in Köln zugestand, und endend mit einem zeitgenössischen Objekt von 2021.

Jedes Objekt wird die deutsch-jüdische Geschichte und ihre Verwobenheit mit Menschen, Regionen und Ländern in Zentraleuropa illustrieren; es fungiert immer auch als Metapher oder philosophische Idee, wird von einem wissenschaftlichen Essay und einer persönlichen Geschichte begleitet. Anders als in einer normalen Ausstellung kann man es greifen, bewegen, drehen und aus verschiedenen Blickwinkeln anschauen – ein haptischer Eindruck entsteht.

„Das Ziel dieser Ausstellung ist es, eine Bandbreite verschiedener Artefakte zu präsentieren, darunter auch fiktionale Konzepte, Mythen, architektonische Wahrzeichen, Symbole und Bilder. Jedes Objekt soll dabei als Kommentar zu historischen Ereignissen dienen und deren gegenwärtige Relevanz bezogen auf die übergreifenden Themen wie Migration, Inklusion, Exklusion, Akkulturation, Verfolgung, Erfolg und Resilienz veranschaulichen“, erklärt die Kuratorin und Leiterin des Berliner Büros Dr. Miriam Bistrovic.

Im Vorfeld haben Museen, Bibliotheken und andere Einrichtungen aus ganz Europa, Israel und USA und Südamerika Hunderte von Objekten nominiert, die nach eingehender Evaluation durch das LBI sowie Repräsentantinnen und Repräsentanten aus den jüdischen Gemeinden, Wissenschaft, Museen, Archiven und Bibliotheken die Basis für das Projekt bildeten. Die Auswahl der Objekte basierte darauf, wie gut es ihnen gelingt:

  • eindrücklich Begebenheiten oder Phänomene der deutschsprachigen jüdischen Geschichte zu schildern
  • wichtige Aspekte der jüdischen Religion oder religiöse Praktiken näher zu beleuchten und zu vermitteln oder als einprägsame Zeugnisse jüdischer Kultur zu dienen
  • den Sachverhalt, dass Jüdinnen und Juden seit Jahrhunderten im deutschsprachigen Raum leben, verständlich zu machen
  • eines oder mehrere der zentralen Themen des historischen Narrativs zu erläutern
  • die Interaktion und den andauernden kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Austausch zwischen der christlichen Mehrheit, Juden und anderen Bevölkerungsgruppen zu dokumentieren
  • den geographischen Raum zu repräsentieren, in dem Deutsch einst entweder die vorherrschende Sprache war oder noch immer ist oder in dem Deutsch innerhalb einer signifikanten Bevölkerungsgruppe als primäre Sprache gesprochen wurde.
  • interessante und visuell ansprechende Darstellungsmöglichkeiten zu bieten

Die 58 Objekte und ihre Geschichten wurden eingehend recherchiert und werden wöchentlich in chronologischer Reihenfolge  auf der Shared History Website gepostet, sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache. Die Shoah unterbricht das Muster: „Damit machen wir die Diskontinuität der deutsch-jüdischen Geschichte sichtbar, den Zivilisationsbruch des Völkermords“, erklärt Dr. David G. Marwell, der Präsident des Leo Baeck Institute und frühere Direktor des Document Center Berlin.

Eine Woche lang veröffentlicht Shared History täglich ein Objekt, das sich jeweils einem bestimmten Aspekt des Holocausts widmet.

Dem Lyriker und Publizisten Dr. Max Czollek gefällt am Shared History Projekt besonders, dass „es sich nicht auf eine deutsch-jüdische Beziehungsgeschichte beschränkt. Die Objekte unterstreichen im Gegenteil, dass jüdisches Leben eigenständig und selbstbestimmt stattfand; dass die Rede von der Shared History also auch eine spezifische jüdische Geschichte zur Voraussetzung hat.“

Für Prof. Dr. Rafael Groß, den Präsidenten des Deutschen Historischen Museums, ist das Überraschende der jahrhundertelanger Dauer deutsch-jüdischer Geschichte, dass die Ausstellung „die kulturelle Höchstleistung einer kleinen jüdischen Minderheit zeigt, die keine spezifischen Rechte für sich beanspruchte. Es ging ihr um gleiche politische Rechte, um eine rechtliche Emanzipation.“

Als begleitende Aktivitäten sind eine Konferenz, eine Wanderausstellung, öffentliche Veranstaltungen, pädagogische Materialien und eine Publikation geplant.

Hier wurde diese Ausstellung bereits angekündigt und mit einzelnen Beispielen illustriert:

Shared History: 1700 Jahre jüdisches Leben im deutschsprachigen Raum, Presseinformation, Margarete Schwind, Berlin 2021

Ein gutes und ein liebendes Herz, Predigt Lukas 8,4-15, Joachim Leberecht, Herzogenrath 2021

Am Sonntag Sexagesimae 2021

 Predigttext (Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006)

4 Als viel Volk zusammengekommen war und die Bewohnerinnen und Bewohner der Städte zu ihm strömten, redete er mit Hilfe eines Vergleiches: 5 »Jemand ging hinaus, die Saat zu säen. Beim Säen fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel des Himmels pickten es auf.

6 Anderes fiel auf felsigen Boden und verdorrte, sobald es aufging, da es keine Feuchtigkeit fand. 7 Wieder anderes fiel mitten unter Dorngestrüpp, und da dieses wuchs, wurde es erstickt.

8 Ein anderer Teil fiel auf gute Erde und wuchs und brachte hundertfältige Frucht.« Er sagte es und rief: »Wer Ohren hat, zu hören, höre!«
9 Diejenigen, die von ihm lernen wollten, fragten ihn, was das für ein Vergleich wäre.

10 Er antwortete: »Euch ist es gegeben, die Geheimnisse der Königsmacht Gottes kennen zu lernen! Den Übrigen ist es gegeben, zu vergleichen, damit sie sehen, wenn sie nicht sehen, und hören, wenn sie nicht verstehen.

11 Vergleicht die Saat mit dem Wort Gottes. 12 ›Die auf den Weg fallen‹: das sind die Menschen, die das Wort gehört haben. Aber dann kommt eine diabolische Macht und nimmt das Wort aus ihren Herzen, damit sie nicht glauben und nicht gerettet werden.

13 ›Die auf den Felsen fallen‹: das sind solche, die das Wort gehört haben und es mit Begeisterung aufnehmen, aber keine Wurzel haben. Die glauben nur für den Augenblick, im Moment der Prüfung jedoch machen sie sich davon.

14 ›Was ins Dorngestrüpp fällt‹: das sind solche, die zwar gehört haben, die aber auf ihrem Weg durch Vorsorgen und Reichtum und Lebensgenüsse erstickt werden und keine Reife erlangen.

15 ›Was aber auf gute Erde fällt‹: das sind die, die mit ihrem guten und liebenden Herzen das Wort gehört haben. Sie behalten es und bringen Frucht in beharrlicher Kraft.  

Liebe Gemeinde,

bei den vielen Nachrichten, Informationen und Meinungen, die wir hören und die wir abrufen können, müssen wir die Kunst des Ausblendens einüben, damit wir nicht an den vielen Informationen ersticken oder gar völlig orientierungslos werden. Dabei ist es interessant zu fragen, welchen Nachrichten wir Vertrauen schenken und warum das so ist. Es tobt ja geradezu eine Schlacht der Worte, wie etwa die Pandemie eingeordnet werden kann und welche Mittel am besten geeignet sind, sie einzudämmen oder gar zu besiegen.

Unsere Kommunikation wird im Angesicht der tödlichen Gefahr schnell martialisch, es scheint nur ein Entweder-Oder zu geben, und ganz schnell sind wir dabei, andere scharf zu verurteilen, die sich aus unserer Sicht nicht richtig verhalten.

Es wäre sicherlich einmal spannend das Gleichnis vom vierfachen Acker auf das Hören, das Verhalten und die Ausdauer, wie wir Menschen auf die zahlreichen Apelle der Politiker:innen und Wissenschaftler:innen reagieren, zu übertragen.

Aber das ist nicht das Ziel meiner Predigt. Mich interessiert: Wie kommt es dazu, dass Menschen von Gott so angesprochen werden, dass es sie ihr Leben lang nicht mehr loslässt? Wie kommt es dazu, dass Menschen bei allem Wandel, der auch das Verständnis des Glaubens betrifft, sich immer wieder von Gott berühren lassen, sich treu zur Gemeinde halten, ihren Glauben bewahren und leben?

Natürlich unterliegt dieses Bleiben Schwankungen und Anfechtungen, es gibt Zeiten der Dürre und der Unlust, vor allem auch der Enttäuschung von sich und anderen, aber immer wieder holt diese Menschen eine schier unstillbare Sehnsucht nach der Verbindung mit Gott ein, selbst dort, wo sie kaum fähig sind, gedanklich ihren Glauben in Worte zu fassen.

Der Glaube ist einfach selbstverständlich in ihrem Leben, auch wenn er sich kaum äußerlich oder durch ein besonders frommes Verhalten zeigt. Und das Überraschende ist, dass diese Art Glauben Spuren hinterlässt, die Jesus „hundertfältige Frucht“ nennt. Nicht ablesbar, nicht mathematisch evident, aber wirklich, eine Wirkung entfaltend, die wir Segen nennen.

Was ist es also, so will ich es einmal sagen, dass wir unsere Organe öffnen und gottoffen sind oder, wie es traditionell heißt, dass wir Gottes Wort hören, bewahren und tun?

Die Antwort finden wir im Evangelium selbst: „Was aber auf gute Erde fällt: das sind die, die mit einem guten und liebenden Herzen das Wort gehört haben. Sie behalten es und bringen Frucht in beharrlicher Kraft.“ (Lukas 8,15; Bibel in gerechter Sprache)

Diese weisheitliche Einsicht, dass ein gutes, das heißt doch ein bereites, und ein liebendes, das heißt hier ein auf Gott hingewendetes Herz, Frucht bringt, bestätigen die modernen Lern- und Motivationstheorien für Lernen und das Leben insgesamt.

Wir wissen, wir lernen einfacher und nachhaltiger, wenn wir etwas mögen. Wenn wir uns wirklich für etwas interessieren, dann wollen wir mehr darüber hören und erfahren, dann überwinden wir sogar Unlust und andere Widerstände, dann richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das, was uns interessiert.

Wir saugen förmlich alles auf, was wir dazu hören, wir investieren Zeit und Geld, ganz selbstverständlich. Die Sache, die Person oder die Leidenschaft gehört einfach zu uns. Sie ist nicht abzustellen. Sie zieht uns unerklärlich an. Sie erfüllt uns.

Es brauchte viele Jahre, bis einer meiner Söhne seine Vorliebe für mathematisches Denken entdeckte. Das war vorher nicht ersichtlich. Im Gegenteil, es fiel ihm schwer oder er hatte einfach keine Lust für die Schule zu lernen. Dann hat es einfach einmal Klick gemacht, ab da ging es ihm leicht von der Hand und auch seine Berufswahl wurde von seiner Neigung bestimmt.

Nicht anders ist es mit dem Glauben und dem Bleiben in der Beziehung zu Gott. Wenn wir mit Gott, den wir von Herzen liebgewonnen haben, verbunden bleiben – einfach weil unser Herz mit jeder Faser spürt, es ist gut auf Gott ausgerichtet zu sein –  dann gehört der Glaube zu uns wie das tägliche Brot.

Die Form, wie wir unseren Glauben leben, kann sich ändern, was bleibt schon gleich in unserem Leben, es wandelt sich alles, und das meine ich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich.

Was aber bleibt, ist eine Haltung von Respekt gegenüber dem Göttlichen und allen, die ernsthaft ihre Religion leben. Wir sind und bleiben spirituelle Menschen und haben eine spirituelle Sicht auf das Leben, und das erfüllt uns. Nicht nur wir, sondern auch andere bekommen von dieser Ausrichtung, diesem unserem guten und liebenden Herzen Gott gegenüber etwas ab, mögen wir es merken oder nicht.

Schön ist es, wenn wir Resonanz erleben, aber das ist nicht die Voraussetzung, dass etwas wirkt, vielleicht wirkt es sogar noch über unser Leben hinaus. Worauf sich ein Mensch in Liebe ausrichtet, das bleibt nicht ohne Segen. Diese Energie, einmal in die Welt gesetzt, bewirkt Gutes!

Es geht letztlich um diesen Einfall, dass Gott in unseren Sinn kommt oder anders herum, es geht darum, dass wir selbst entdecken, dass Gott nicht nur etwas mit unserem Leben zu tun hat, das wir theoretisch bedenken und aus dem wir alle möglichen Dinge ableiten, sondern, dass wir in der Tiefe unserer Existenz mit Gott verbunden sind, nicht nur als ewige Sehnsucht in uns, sondern wirklich heute, hier und jetzt mit einem liebenden Herzen.

Es ist nicht das Wissen das uns mit Gott verbindet, sondern es ist die Gewissheit, die sein Wort (Geist) in unserem Herzen bewirkt, die uns in aller menschlichen Zwiespältigkeit eindeutig zu einem fruchtbaren Boden macht. Der fruchtbare Boden ist gottoffen. Dahin lasst uns unsere Sinne öffnen, denn solch eine Gottoffenheit geht einher mit einer Welt- und Menschenoffenheit.

Der, der den Boden fruchtbar macht, bereitet in uns auch ein gutes und liebendes Herz. Wir müssen es einfach schlagen lassen. Und hören, hinhören, was Gott uns sagt, und das Gehörte leben im Austausch mit anderen, denn „niemand lebt für sich allein.“(Paulus, Römer 8,14). Amen.